9. März 2026
Austausch ist keine Transaktion
Vor kurzem erhielt ich eine kurze, deutliche Antwort auf eine Vernetzungsanfrage:
„Sie wollen kostenlos IT-Expertise für Ihre Kanzlei. Finde ich schwierig. Sie würden anderen Ihr Wissen auch nicht kostenlos zur Verfügung stellen.“
Nach wenigen Nachrichten war klar, dass das Urteil bereits feststand. Ich habe es so stehen lassen.
Irritiert hat mich weniger die Situation selbst als die Denklogik dahinter. Für manche Menschen scheint jeder Austausch sofort eine Transaktion zu sein. Wer sich vernetzt, will etwas bekommen. Wer Fragen stellt, sucht kostenlose Beratung.
Ich sehe das anders.
Schon lange bevor ich mich intensiv mit IT-Vergaben, öffentlicher Digitalisierung und den strukturellen Zusammenhängen zwischen Recht, Architektur und Betrieb beschäftigt habe, wollte ich verstehen, wie Menschen und gesellschaftliche Dynamiken funktionieren.
Auf einer Reise bin ich erstmals auf die Bücher von Erich Fromm gestoßen – zunächst auf Den Menschen verstehen – Psychoanalyse und Ethik, später auf Haben oder Sein. Diese Texte haben mich stark geprägt.
Fromm beschreibt zwei grundlegende Weisen, wie Menschen ihr Leben organisieren können.
Die eine orientiert sich am Haben: Besitz, Status, Kontrolle. In diesem Modus stellen sich schnell Fragen wie:
Wie wirke ich? Bin ich erfolgreich genug? Habe ich genug erreicht?
Die andere orientiert sich stärker am Sein: an Kreativität, Verbundenheit, produktiver Tätigkeit und der Fähigkeit, eigene Kräfte lebendig zu entfalten.
Ich habe im Laufe meines Lebens immer wieder festgestellt:
Wenn ich mich in Richtung einer reinen Haben-Logik drängen lasse, werde ich auf Dauer unzufrieden.
Wenn ich mir dagegen erlaube, stärker im Sein-Modus zu arbeiten, passiert etwas Interessantes:
Ich werde nicht nur ausgeglichener, sondern häufig auch produktiver – und am Ende oft sogar erfolgreicher.
Deshalb versuche ich bewusst so zu arbeiten.
Ich bin Rechtsanwältin und beschäftige mich mit IT-Vergaben. Aber mich interessiert nicht nur das Verfahrensrecht.
Mich interessieren auch:
- reale IT-Projekte nach der Vergabe
- IT-Architektur und Betriebsmodelle
- IT-Sicherheit
- Projektmanagement
- die alltäglichen Herausforderungen von Vergabestellen
- die Perspektiven von Entwicklern, Architekten oder Tech-Journalisten.
Öffentliche Digitalisierung entsteht an Schnittstellen. Und Schnittstellen funktionieren nur, wenn Menschen miteinander sprechen.
Deshalb teile ich Gedanken und Wissen gern offen.
Wenn ich die Expertise eines Architekten in einem konkreten Mandat brauche, bezahle ich sie selbstverständlich. Professionelle Leistung ist professionelle Leistung.
Aber Austausch, Neugier und Gespräch sind für mich keine ökonomische Transaktion.
Sie sind eine Form von Beziehung.
Erich Fromm beschreibt, dass die Grenze zwischen Haben und Sein oft schmal ist. Diese Spannung kenne ich auch. Ich habe nur gemerkt, auf welcher Seite ich auf Dauer unglücklich werde.
